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Im zweiten Teil seiner Pathogenese der neuen deutschen Universität setzt sich Jürgen Paul Schwindt mit der Frage auseinander, was es heißt, Bildung und Wissenschaft nach Maßstäben wirtschaftlicher Effizienz auszurichten.

essay aus tumult

Die Mitmacher

Zur Pathogenese der neuen deutschen Universität. Teil II – Das »Zeitfenster«

Von Jürgen Paul Schwindt

Wenn sich Ideenhistoriker dereinst mit der Frage beschäftigen werden, wie es möglich war, dass die Universität irgendwann am Ende des 20. Jahrhunderts aufhörte, eine intellektuell relevante Institution zu sein, werden sie sich entweder an die objektiven Parameter halten, die die Einebnung des Profils zuverlässig abbilden können, oder auch grundsätzlicher nach den inneren Gründen dieses eigentümlichen Umbildungsprozesses fragen, der die Universität in ihren reiferen Jahren erfasst hat. Sie werden womöglich darüber streiten, ob die Transformation mit einem Mal eingesetzt oder als schleichender Prozess der Erosion überkommener Überzeugungen stattgefunden habe. Sie werden sich die Universität nach dem Vorbild der utopischen Entwürfe frühneuzeitlicher Staatsdenker als eine kolossale anthropoide Figur oder als Maschine vorstellen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre organischen oder technischen Anomalien entwickelt hat, die früher oder später das Ganze in Unordnung brachten. Oder sie werden die literarische Hinterlassenschaft dieses toten Riesen studieren und die hier gemachten Beobachtungen auf die Mentalität einer Epoche zurücklesen.

Erfolgreicher sind gewöhnlich solche historischen Thesen, die gesellschaftliche Veränderungen mit revolutionären Ereignissen oder epochalen Daten, also etwa 1968 oder Bologna, in Verbindung bringen. Die historische Narrative kann den histologischen Befund jedoch nicht ersetzen. Nur die Analyse des Gewebes kann Aufschluss darüber geben, wie und wann das corpus aufhörte, im Sinne seines Fortbestandes produktiv zu sein. Die pathographische Arbeit an den Institutionen kann über wenig mehr und vor allem wenig besseres Analysematerial verfügen als über die Sprachhülsen, die noch lange, nachdem sie ihren prägnanten Sinn verloren haben, wie Schlangenhäute den Weg des Kolosses säumen, von dessen Geist und Ungeist sie Zeugnis geben. Man bemerkt sie nicht sofort, ihre Unauffälligkeit scheint ein guter Teil ihres Auftrags zu sein, den neuen Geist der Institution zu befördern. Sie aufzuspüren, sollte man sich die neue Universität und ihre Philosophie als ein geräumiges Haus mit von mannshohen Hecken umsäumtem Vorgarten und freundlichen, nach allen Richtungen sich öffnenden Fenstern denken. Es gibt ein schmales, nicht zu stattliches Fundament. In den von den Grundmauern freigegebenen Höhlungen finden wir – geradewie in vertrauten, privaten Räumen – (1) allerlei Gerätschaften, die das Leben schön und beweglich erhalten, von Fahrradkeller und Werkelstube bis hin zu Kraftraum und Minibar, wo die Insassen in guten und in schweren Stunden Façon oder Mut und Zuspruch zu erwerben suchen. Auf dem Dachboden allerlei Gerümpel, ausgelagert und bereit, in die Hände der nächsten Generation zu fallen.

Man sollte die zugegeben flüchtig entworfene Szenerie nicht belächeln. Politische Theorie hat sich immer schon der simplen Struktur des Hauses bedient. Der Aristotelische Oíkos ist das Musterbild des Denkens politischer Organisation geworden. (2) Das Modell des Hauses und der in ihm obwaltenden Oikonomía verbindet den Vorzug der leichten Anschauung mit der Möglichkeit, ein komplexes, teilautonomes Gebilde als funktionierendes Ganzes zu untersuchen. Das Haus ist auch der geeignete Ort, die Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten am konkreten Objekt zu studieren.

Wer einen der Räume als stiller Untermieter bezog und länger blieb, wird Mühe haben, sich zu erinnern, wann die Abläufe in diesem Hause durcheinander kamen, wie die Grenzen der Räume und Abteilungen gegeneinander unscharf wurden und verschwammen und wie es mit einem Mal Leute gab, die, ohne dass jemand sie dazu bestellt hätte, zu Wächtern wurden, die über die Einhaltung dieser Grenzen wachten. Damals wurde das Unwort vom „Vorfeld“ ersonnen, das die Auslagerung der Macht der Entscheidungen in die Halböffentlichkeit des heckenumsäumten Vorgartens anzeigte.

Das Vorfeld war – wir erinnern uns – (3) der Euphemismus, der die Entleerung der Universität als eines Orts der Entscheidung mit dem Schein kluger Voraussicht ummäntelte. Mit der zerrütteten Topographie der alten Einrichtung ging selbstredend auch die Zerrüttung ihres Kalenders einher. Diese setzte dort ein, wo sie den denkenden Menschen am empfindlichsten treffen konnte – bei seiner ephemeren Verfassung. Der Tag ist das Zeitmaß, das dem Menschen in der charakteristischen Abbreviatur immer aufs neue die natürliche Verlaufsform des ganzen Lebens zu Bewusstsein bringt. Das Diktat des Tages ist solange erträglich, wie der denkende Mensch selbst über das Ausmaß der Verstrickung in die Geschäfte des Tages entscheiden kann. So bringt er, Tag um Tag, als geschickter Ökonom seiner selbst seine Dinge voran.

Ironischerweise hatte es mit der Freiheit des universitären Lebens just zu der Zeit ein Ende, als die Rede von der akademischen „Selbstverwaltung“ aufkam. Das Selbst der Selbstverwaltung meinte jetzt nicht mehr die Oikonomía heautoû, also jene Form haushälterischer Selbstbestimmung, die den freien Menschen auszeichnete, sondern das zum kollektiven Geist aufgeblasene Selbst der akademisch arbeitenden Klasse. Indem nun jeder in die komplizierte Diaitetik des anderen hineinzuregieren begann, entstand eine brodelnde Oberfläche entwurzelter Selbste, die über der notdürftigen Versorgung fremder Einheiten die Pflege des Eigenen erst verabsäumten, dann nach und nach überhaupt vergaßen.

Über die Zeit des einzelnen legte sich die drückende Last der begrenzten Zeiten der anderen. Abreden und Abstimmungen wurden notwendig, der Vorgarten blühte, und es blühten die Träume derjenigen, die hofften, sie könnten, wenn sie nur tüchtig und ausdauernd über die Zeiten der anderen wachten, dermaleinst die freie Verfügung über ihre eigene Zeit zurückgewinnen. Freiheit erwuchs nun nicht mehr aus der Selbstbestimmung des einzelnen, sondern aus der Vorstellung, den reglement der Zeiten der anderen soweit zu beherrschen, dass man selbst beizeiten ungeschoren davonkäme. Irgendwann trat an die Stelle des alten Glaubens die Meinung, dass Erfolg nur dem Kollektiv, der Gruppe, dem „Team“ beschieden sei. Das war das Ende der alten Universität. Nun wurden die, die weiter den Ideen von gestern anhingen, geradezu zur hässlichen Verkörperung des nichtsnutzigen alten Glaubens. Störten sie nicht die strenge Taktung des neuen Lebens? Das diskreteste Mittel, sie zum Schweigen zu bringen, war der Übergriff auf die letzten Residuen souveräner Zeitgestaltung. Es galt, die feinabgestimmten, stolzen Lebensläufe so zu verwirren, dass sie bald stärker unter der Nichtanpassung an die Karrieren der anderen zu leiden hatten, als sie von der trotzig behaupteten Selbstbestimmung profitieren konnten.

Nun wäre die deutsche Universität nicht die Einrichtung, von deren Niedergang es viele Worte zu machen lohnte, wenn sie nicht auch eine Sprache entwickelt hätte, die den ergebenen Nutzern die Möglichkeit der Partizipation auch dort vortäuscht, wo sie ihnen längst genommen ist. Man spricht vom „Zeitfenster“. Die Eindeutigkeit der frühen Jahre, die ihren Verächtern als finsterer Dezisionismus erschien, hat abgewirtschaftet. Wir erkundigen uns höflich nach dem Zeitfenster des anderen, auf dass wir, wenn es ihm gefalle, dort hineinregnen können. Das Zeitfenster ist das Wort, das uns über die heillose Asynchronie des Betriebes und seiner Entscheidungsabläufe hinwegtäuschen soll. Hundertschaften akademischer Tagelöhner blicken freundlich durch ihr „individuelles“ Zeitfenster und formieren sich immer „ad hoc“ zu Redegemeinschaften, die, sowie sie konstituiert sind, nun die Verbindung zu den anderen bereits bestehenden Gemeinschaften finden und herstellen müssen. Das Zeitfenster schafft ein Illusionsgemälde, das uns das Diktat des angeblichen politischen Willens als die Ansicht einer heiter und verträglich gestimmten Welt projiziert. Es soll die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen suggerieren.

Da entscheidet ein politisches Gremium, der akademische Tross möchte bitte in einer anderen als der bisher befolgten Richtung marschieren. Gleichzeitig werden Belohnungen ausgesetzt für diejenigen, die sich am schnellsten in die neue Marschroute fügen. Die Häuptlinge der regionalen Fürstentümer überbieten sich in Loyalitätsbekundungen und regen die rasche Umsetzung der profitträchtigen Pläne an. Jetzt kommt der schwere Apparat der inneruniversitären Entscheidungsfindung in Gang. Die Kunst wird darin bestehen, die längst getroffene Entscheidung noch einmal gemeinsam zu finden. Unfein wäre es, „die an der Spitze des Zuges“ für die Verwirrung der Chronologie der Entscheidungsfindung haftbar zu machen. Sie haben Recht und Gesetz auf ihrer Seite. Was stört, ist der Comment, der ihnen sagt, dass die schönsten Entscheidungen die sind, die von einer breiten Mehrheit (und komme sie auch post festum zustande) getragen werden. In solchen Verhältnissen wird man das Zeitfenster, das für die Einholung der ersehnten Zustimmung notwendig ist, so knapp wie möglich setzen. Es kann auch nicht ausbleiben, dass Sitzungen, deren Beschlüsse aufeinander aufbauen müssen, zur gleichen Zeit oder gar in verkehrter Reihenfolge durchgeführt werden. Selten wird man es erleben, dass die also Düpierten, die, vor vollendete Tatsachen gestellt, absegnen sollen, was sie selbst hätten vorbereiten müssen, die dreisten Zuvorkömmlinge zur Rede stellen. Die rechtzeitige Beschwörung kollegialer Solidarität wird über die entstandene Unordnung den Mantel des Schweigens breiten.

In einer solchen Welt gewinnen die guten alten Fünfjahrespläne der Planwirtschaft ihren ganz eigenen Charme: Sie garantieren Verlässlichkeit und führen die wilde Asynchronie der ephemeren Entscheidungsfindung auf das ruhige Zeitmaß des seit alters vertrauten „lustrum“ zurück. (4) Die Pentaden-Rechnung hat den Vorteil, dass sie in etwa den Zeitraum erfasst, den der Durchschnittsstudent für seinen kleinen cursus honorum braucht. Die Lustren-Rechnung ist das Zeitmaß des Stillstandes. Das Sprunghafte des konjunkturabhängigen Tagesregiments ist ihm zuwider. Auch wenn die Planungssicherheit nicht selten um die Zustimmung zum Abbau des Ganzen erkauft ist, (5) lebt es sich gut mit der auf Zeit beschlossenen Wohlfahrt. Mag der Teufel am Ende der Strecke kommen und seinen Tribut einfordern. Es ist noch nicht aller Tage Abend …

Was die Zeitfenster der freundlichen Untermieter mit den Fünfjahresplänen der großen Brüder in den Leitungsgremien verbindet, ist die schmale Linie, die ganz am Ende darüber entscheidet, wer weiter im Hause wohnen darf und wer gehen muss. Man nennt sie die „deadline“. Vermutlich waren es die Bewohner der virtuellen elektronischen Welten, die uns diese linguistische Preziose beschert haben. Man weiß, wie cool die Beherrscher der Intermundien blicken können, wenn sie „für sich“ das untergegangene Sprachgut einer harten und wirklichen Welt wiederentdecken. Was Pfadfindern und „Netzwerkern“ recht ist, wird der akademischen Laufkundschaft billig sein. Die „deadline“ verschafft ihrem ephemeren Treiben den Thrill, den sie brauchen, wenn sie an der Aufgabe disziplinierter Selbstbehauptung im Tage nicht ganz und gar unheroisch scheitern sollen.

Auf dem Zwergenhof der neuen deutschen Universität spielen die Mitmacher ihre Version von der organisierten Welt des Geistes. Irritierend ist die Verbindung disparater Momente der Zeitwahrnehmung und Zeitbehandlung. Die „Todeslinie“ gibt dem geschäftigen Treiben die Zielspannung zurück, die ihm das Zeitfenster auszureden versucht hatte. Der Fünfjahresplan hinwiederum kündet vom Geist der paternalischen Fürsorge, die er freilich immer nur auf Zeit verspricht und dann entweder „auf Dauer stellen“ oder für immer dem Zugriff der pflegegewohnten Untertanen entziehen wird.

Die Zeit der Universität ist eine, die vor allem denen mitspielt, die das Mitspiel verweigert haben. In der Logik solchen Spiels können sich die, die nicht mitmachen, nur selbst ausschließen. Die Aristotelische Theorie des Hauses ist im Zeitalter der totalitären Demokratie an ihre Grenzen gelangt. Was wir brauchen, ist eine Theorie des Tragischen unter den Vorzeichen der modernen Massenverwaltung. Die schwarze Komödie der Mitmacher kann uns hierfür keine Lichter aufsetzen. Nicht solange sie nicht willens oder fähig sind, die Ausschließungsszenen in ihrer Mitte als das wahrzunehmen und zu beschreiben, was sie sind: die zeitgeistkonforme moderne, garantiert unblutige, aber darum nicht weniger tragische Variante des antik-barbarischen Menschenopfers.

1 Über die Verwischung und Aufhebung der Unterscheidung privater und öffentlicher Räume als Kennzeichen der neuen deutschen Universität wäre in einer eigenen Folge zu handeln.

2 Auch wenn Aristoteles vom natürlichen Primat des Staates überzeugt ist, beginnt er das Studium der elementaren Mechanismen der Gemeinschaftsbildung doch bei der kleineren räumlichen Einheit des Hauses: Arist. Politica 1, 3.

3 Siehe Tumult – Vierteljahresschrift für Konsensstörung, Frühjahr 2014, S. 7-10.

4 Das lustrum bezeichnet, vorzugsweise in rituell-kultischen Kontexten, den Zeitraum von fünf Jahren.

5 Die fröhlichen Untergänger in den Leitungsgremien der neuen deutschen Universität haben den schrecklichen Terminus der höheren Wissenschaftspolitik gern akzeptiert: „Solidaritätspakt“.

Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift TUMULT

Jürgen Paul Schwindt

Kommentare


Thomas Rothschild - ( 27-07-2014 07:07:24 )
file:///C:/Users/Thomas/Documents/Eigene%20Dateien/Freitag%20Online/0000%20Haken/0940-bildung-dilettanten-bachelor-studium-nebenjob.htm
Sage keiner, er hätte das nicht längst gewusst. Wann werden die Verantwortlichen aus Politik und Hochschulen endlich haftbar gemacht?

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erstellt am 21.7.2014
aktualisiert am 20.10.2017

TUMULT Sommer 2014
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