Banner, 120 x 600, mit Claim
Haïti – Insel der Widersprüche

Was wissen wir über Haïti?

Von Andrea Gremels

Eine gute Eingangsfrage, wenn man sich mit Haïti auseinandersetzt, lautet: Was wissen wir eigentlich über Haïti? Zu den Schlagworten, die momentan assoziativ fallen, gehören:
Die Armut (Haïti gilt als das „Armenhaus Lateinamerikas“), das Erdbeben und neuerdings in den Medien präsent: Die Cholera.
Haïti, das ist die gestrafte Insel, die von einer Niederlage und von einer Enttäuschung in die nächste schlittert, heimgesucht von Katastrophen aller Art. Folgende Aspekte verdeutlichen die dramatische Lage auf der Insel: Sie ist von politischer Instabilität gekennzeichnet. Die Gesellschaft ist durch diktatorische Regime traumatisiert. Hier ist vor allem die Ära Duvalier zu nennen (1957-86). Haïti ist sowohl ein ökonomisches als auch ein ökologisches Desaster: Dazu gehört die starke Verschmutzung der Umwelt und der erschwerte Zugang zu sauberem Trinkwasser, ein Grund dafür, dass die Cholera sich auf der Insel ausbreitet. Eine ohnehin katastrophale Infrastruktur wurde durch das Erdbeben noch mehr zerstört. Zur Armut Haïtis gehören vor allem seine expandierenden Armutsviertel. Zudem ist Obdachlosigkeit seit dem Erdbeben ein großes Thema. Ein Großteil der Bevölkerung lebt von weniger als 2 USD am Tag. Nicht zuletzt herrscht in Haïti eine Bildungsmisere vor: Analphabetenrate liegt bei 60% in der Hauptstadt und bei bis zu 90% im ländlichen Bereich.
Dies sind Dinge, die wir über Haïti wissen sollten oder sogar müssen. Aber ist das alles? Sicherlich nicht. Denn Haïti ist vor allem ein Land von Widersprüchlichkeiten und daher sollte man Vorsicht walten lassen, Haïti nur in Ausschließlichkeiten zu denken (ausschließlich arm, ausschließlich miserable, ausschließlich gestraft etc). Um diesen Widersprüchen näher auf den Grund zu kommen, werden im Folgenden drei Thesen näher erörtert.

1. Haïti ist frei, obwohl es nicht frei ist
2. Haïti ist reich, obwohl es nicht reich ist
3. Haïti ist überall, obwohl es nirgendwo ist

Haïti ist frei, obwohl es nicht frei ist

Haïti ist nicht frei. Ein kurzer Abriss der Geschichte verdeutlicht, dass sich das Land immer in Abhängigkeiten befunden hat, sowohl auf globaler, als auch auf lokaler Ebene. Das Schlüsseldatum der Abhängigkeit ist die Entdeckung der Insel durch Christopher Kolumbus im Jahr 1492. Alsbald machten die Konquistadoren sich die Urbevölkerung untertan, versklavten sie und rotteten sie daraufhin systematisch aus. Die fehlenden Arbeitskräfte wurden durch afrikanische Sklaven ersetzt (insgesamt wurden um die 100 Millionen Afrikaner in Richtung der amerikanischen Kolonien verschifft). Wir sprechen hier von 300 Jahren Sklaverei, zwei Jahrhunderte davon unter spanischer und ein Jahrhundert unter französischer Kolonialherrschaft, in denen Haïti, damals Saint-Domingue genannt, durch Zucker- und Kaffeeanbau zur reichsten Kolonie Frankreichs aufstieg und den Beinamen „Perle der Antillen“ erhielt.
Die Kolonialzeit endete zu Beginn des 19. Jahrhunderts, doch genau ein Jahrhundert später wurde die französische Vorherrschaft durch die USA abgelöst, die Haïti von 1915-1934 besetzten und zu ihrem Protektorat erklärten. Gerechtfertigt wurde die Besatzung durch die Monroe-Doktrin, die diplomatische und militärische Interventionen in Lateinamerika zum Schutz der US-amerikanischen Eigeninteressen erlaubte.
Die Fremdbestimmung von außen (von den ökonomisch-globalen ganz zu schweigen) gehen einher mit einer Reihe von egomanen, machtbesessenen Diktatoren, die sich gut darauf verstanden haben, willkürlich ihr eigenes Land auszubeuten um sich zu bereichern. Im 20. Jahrhundert sind hierfür die Duvaliers, Papa Doc und Baby Doc, sicher das gravierendste und grausamste Beispiel.
Nach dem Erdbeben kann man heute von einer Vorherrschaft der Hilfskräfte bzw. der UN sprechen, die wiederum die Eigenständigkeit durch Fremdbestimmung verhindern.
Kurzum: Haïti ist nicht frei.
Und doch stellt der Freiheitskampf ein Hauptmerkmal des haïtianischen Selbstverständnisses dar. Denn Haïti ist das erste Land des südamerikanischen Kontinents, das sich von der europäischen Kolonialherrschaft befreit hat und 1804 zum unabhängigen Staat wurde. Demgegenüber steht beispielsweise Kuba, das erst 1895 die Unabhängigkeit von Spanien erlangte. Haïti erlangte seine Unabhängigkeit nicht von außen, sondern aus sich selbst heraus, denn die Sklaven selbst erhoben sich 1791 gegen die grausame Unterdrückung der französischen Kolonialherrschaft und kämpften für ihre Freiheit. Dieses historische Ereignis ist weltpolitisch einzigartig und hat somit ein großes Gewicht. Allerdings: Während wir bei der Jahreszahl 1789 sofort ausrufen: die französische Revolution!, fällt uns bei dem historischen Datum 1791 nicht unmittelbar Toussaint Louverture und die Revolution in Haïti ein. Die haïtianische Revolution ist dem Schweigen ausgesetzt, um nicht zu sagen, sie ist ein verschwiegenes Ereignis. Während die französische Revolution als Wendepunkt hin zur Moderne, zur Aufklärung und zur menschlichen Freiheit betrachtet und gefeiert wird, gilt die haïtianische als ihr abschreckendes, blutiges, grausames und folglich negativ besetztes Gegenmodell (in diesem Falle werden jedoch die Grausamkeiten der französischen Revolution gekonnt verschwiegen). Dies liegt laut dem haïtianischen Schriftsteller Frankétienne daran, dass die „die siegreiche Erhebung“ der Schwarzen von Saint-Domingue als „unvergesslicher Schlag ins Gesicht der westlichen weißen Welt empfunden“ wurde. Nun, Haïti hat sich im Gegensatz zu den Départements d’outre-mer Guadeloupe und Martinique seine früh erlangte Freiheit nicht wieder nehmen lassen und doch hat es teuer dafür bezahlen müssen. Das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Abhängigkeit lässt sich also nicht so einfach nach einer Seite hin auflösen und dies führt zur zweiten These.

Haïti ist reich, obwohl es nicht reich ist

Haïti ist nicht reich. Das liegt unter anderem daran, dass der Preis für die Anerkennung seiner Unabhängigkeit sich auf 150 Mio. Francs Ausgleichszahlungen an Frankreich berief und dieser das Land wirtschaftlich ruiniert hat (im Jahr 1825). Auch dies ist ein verschwiegener Aspekt in der Geschichtsschreibung. Die anderen Aspekte der Armut sind bereits erwähnt worden: Ausbeutung, Analphabetismus, Armutsviertel, etc. Wieso also sollte man Haïti als reich bezeichnen? Denn der existentiellen Armut steht paradoxerweise äquivalent ein kultureller Reichtum gegenüber.
Dieser kulturelle Reichtum liegt schon in Haïtis bunter Bevölkerungszusammensetzung begründet, seiner ethnischen Durchmischung. Diese Durchmischung oder auch Kreolisierung birgt ein kulturelles Potenzial in sich, denn sie überschreitet kulturelle Grenzen und sorgt für eine schöpferische ethnische Farbenvielfalt. Und dies ist vielleicht das größte Armutszeugnis Haïtis: Dass es das Potenzial seiner ethnischen Durchmischung nicht als Reichtum versteht und kreativ daraus schöpft. Rassismus ist vielmehr allgegenwärtig und stellt ein Konfliktpotenzial höchsten Ausmaßes dar: Mit der Dunkelheit der Hautfarbe gehen bis heute soziale Abstufungen einher. In diesem Zusammenhang kommt man nicht umhin, auf die Kämpfe zwischen der Elite der Mulatten und der Elite der Schwarzen hinzuweisen, die sich durch die haïtianische Geschichte hindurch gegenseitig ausrotteten.
Gibt es folglich doch keinen kulturellen Reichtum auf Haïti?
Um sich dem Paradox von Reichtum und Armut weiter zu nähern, lässt sich der kubanische Romancier Alejo Carpentier einbeziehen, der lange in Paris lebte und 1949 mit „Das Reich von dieser Welt“ einen der bedeutendsten Romane über die haïtianische Revolution geschrieben hat.
Das Vorwort zum Roman hat Geschichte geschrieben und dazu kurz die Hintergründe: Carpentier war zu Beginn der 30er Jahre in die Kreise der Pariser Surrealisten geraten. Der Surrealismus strebte eine Erweiterung der Wirklichkeit an, eine Erweiterung um die Ebene des Traumhaften, Triebhaften, des Unwirklichen und alles Nicht-Erklärbaren. In „Das Reich von dieser Welt“ reagierte Carpentier auf diese Bestrebung mit einer Polemik, in der er sagte: „Ihr wisst gar nicht, dass genau das, was ihr Surrealisten als neuartig proklamiert, nämlich das traumhafte, nicht erklärbare, ja, das Wunderbare der Wirklichkeit etwas ist, was es schon längst gibt. Geht nach Haiti und schaut Euch an, wie das wunderbar Wirkliche dort im Alltag gegenwärtig ist, und das bei jedem Schritt.“ Das in ganz Lateinamerika bekannte und in den Kultur- und Literaturwissenschaften allseits angewandte Kulturkonzept des „real maravilloso“ – das wunderbar Wirkliche – entstand also primär durch die Begegnung Carpentiers mit Haïti bzw. durch seine Faszination mit dem kulturellen Reichtum dieser Insel.
Das wunderbar Wirkliche erklärt sich unter anderem durch die Präsenz des Voodoo in Haïti. Der Voodoo macht einen großen Teil des kollektiven Bewusstseins aus, er ist in der Kultur tief verwurzelt und nicht nur als Religion, sondern auch als Mentalität zu begreifen. Die haïtianische Revolution konnte mit dem Voodoo als „politischem Geheimbund“ überhaupt nur gelingen. Der Sklavenrebell Mackandal, der von den Franzosen während der Aufstände hingerichtet wurde, blieb nach seinem Tod im Befreiungskampf gegenwärtig und das nicht nur im Sinne einer spirituellen, sondern im Sinne seiner tatsächlich leibhaftigen Präsenz. Die Tatsache, dass der Voodoo die haïtianische Revolution mitbestimmte, ist ein weiterer Grund, warum sie uns aus eurozentristischer Perspektive „unheimlich“ vorkommt und als „primitiv“ abgewertet wird. Dennoch muss man den Voodoo als Teil des kulturellen Reichtums Haïtis erachten. Nicht umsonst fließt er auch in die Werke fast aller haïtianischer Autorinnen und Autoren ein, die einen weiteren Teil des kulturellen Reichtums Haïtis ausmachen.
Schlussendlich ist auch das Spannungsverhältnis zwischen Armut und Reichtum nicht nach einer Seite hin auflösbar und dies führt zur dritten These:

Haïti ist überall, obwohl es nirgendwo ist

Haïti ist nirgendwo. Als Insel isoliert, durch das Meer vom Rest der Welt abgetrennt, gerät es höchstens mit seinen Katastrophen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die es kurze Zeit später wieder seiner Isolation überlässt. Inseln waren jedoch schon immer Projektionsflächen, andere Orte, vielleicht gerade weil sie durch das Meer vom Festland getrennt sind, Orte also, auf die Künstler ihre Vorstellungskraft richten. So sagt der berühmte karibische Kulturtheoretiker Édouard Glissant: „Die Gebärmutter Erde der Antillen, Haïti. […] Das pausenlos sein Lagerdasein und sein rasendes Meer erleiden muss, und das in unserer Vorstellung wächst.“
Die Imaginationskraft, die von Haïti ausgeht, hat viele Schriftsteller angezogen, darunter wie bereits erwähnt Alejo Carpentier. Doch bereits Victor Hugo beschäftigte sich in „Bug Jargal“ (1820) mit Haïti und seiner Revolution, ebenso C.L.R. James aus Trinidad mit seinem Werk „The Black Jacobines“ (1980). Manchen von Ihnen ist vielleicht auch der deutsche Autor Hans Christoph Buch mit seinem Roman „Haïti Chérie“ (1990) ein Begriff.
Die Imaginationskraft, die von Haïti ausgeht, haben jedoch andererseits auch viele Schriftsteller mitgenommen, nämlich die haïtianischen. Ein großer Teil der haïtianischen Autoren ist seit Beginn der Duvalier-Diktatur ausgewandert. Haïtianische Literatur wird heute also nicht mehr nur auf der Insel geschrieben, sondern auch in Kanada, in den USA, in Frankreich und sogar in Deutschland. Die haïtianische Literatur ist nicht nur französischsprachig, sondern sie wird auch auf kreol geschrieben. Eine der bekanntesten haïtianischen Gegenwartsautorinnen besitzt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und verfasst ihre Kurzgeschichten auf Englisch: Edwidge Danticat. Die haïtianische Diaspora ist überall auf dem Globus mit ihren verschiedenen Stimmen präsent. Somit ist Haïti überall. Nicht nur vermitteln uns diese Autorinnen und Autoren ihre Imaginationskraft. Sie tragen zudem ihr kulturelles Gedächtnis mit sich in die Welt hinaus und erinnern sich und uns an Haïti: Sie brechen Tabus, konfrontieren Haïti mit seiner unbewältigten Vergangenheit und seinen Traumata, seinen Grausamkeiten und Brutalitäten, aber sie besingen auch die Schönheit der karibischen Erde. Haïti wird so zu einer Imaginationsfläche, die aus allen Winkeln der Erde befruchtet wird und in unserer Vorstellung wächst. Ich möchte behaupten, dass es vielleicht genau diese Imaginationsfläche ist, die dazu verhilft, Haïti anders zu denken und indem wir es anders denken, es auch zu verändern und von einigen seiner Lasten und Laster zu befreien.
Passend hierzu schließe ich mit einem Zitat der haïtianischen Autorin Kettly Mars:

„C’est plutôt un changement de mentalité dont nous avons besoin, une autre façon d’être nous-mêmes, d’imaginer, de nous ouvrir au monde et de nous projeter vers l’avenir. Une révolution des idées, l’anéantissement des forces rétrogrades, un grand chambardement. Et alors notre culture, notre belle culture haïtienne nous sauvera en trouvant à l’échelle collective sa véritable dimension de vecteur de progrès et d’émancipation.“

„Was wir eigentlich brauchen, ist ein Mentalitätswechsel, eine andere Art uns selbst zu denken, zu imaginieren, uns der Welt zu öffnen und uns in die Zukunft zu schleudern. Eine Revolution der Ideen, die Vernichtung aller rückläufigen Kräfte, einen großen Umsturz. Und dann wird uns unsere Kultur, unsere schöne haïtianische Kultur retten, indem sie auf der kollektiven Ebene ihre wahre Dimension als Trägerin des Fortschritts und der Emanzipation findet.“
(Übersetzung: Andrea Gremels)

erstellt am 02.2.2011
aktualisiert am 04.5.2015

Haiti

Kettly Mars:
„Was wir eigentlich brauchen, ist ein Mentalitätswechsel, eine andere Art uns selbst zu denken, zu imaginieren, uns der Welt zu öffnen und uns in die Zukunft zu schleudern. Eine Revolution der Ideen, die Vernichtung aller rückläufigen Kräfte, einen großen Umsturz. Und dann wird uns unsere Kultur, unsere schöne haitianische Kultur retten, indem sie auf der kollektiven Ebene ihre wahre Dimension als Trägerin des Fortschritts und der Emanzipation findet.“

Haiti
Haiti
Haiti

Alle Fotos: Andrea Pollmeier