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Zuletzt war sie Kustodin am Märkischen Museum in Berlin. 1964 bekam sie ein befristetes Ausreisevisum, das sie nutzte, um von der DDR in die Bundesrepublik Deutschland zu ziehen. Christa Reinig, die 2008 in München starb, hat Erzählbände, Romane, Hörspiele und Gedichte veröffentlicht, wovon im „Poesiealbum“ eine Auswahl erschienen ist, die Martin Lüdke jedem anständigen Bürger empfiehlt.

Lüdkes liederliche Liste

Der Humor ist erbarmungslos

Das Poesiealbum 360 bringt endlich wieder die Gedichte von Christa Reinig

In der DDR, lang lang ist es her, waren die Ausgaben des Poesiealbums eine Art Geheimtipp. Da erschienen Dichter, die oft als „Bückware“ galten. Das heißt: von den Buchhändlern unter dem Ladentisch versteckt und nur an ‚gute’ Kunden abgegeben wurden. Westliche Autoren. In Ungnade gefallene Dichter des Ostens. In der DDR waren Bücher überhaupt begehrt. Das änderte sich, nach der Wende, und zwar schlagartig. Dem fiel auch das Poesiealbum zum Opfer. Vor einigen Jahren wurde es aber wiederbelebt. Zum Glück. Jetzt ist eine Ausgabe mit Gedichten von Christa Reinig erschienen.

Ihre Verse vergisst man nicht. Einmal gelesen oder gehört, das bleibt, zur Not, ein Leben lang. Der „alte Pirat“, der „blutige Bomme“, der „Lächler“, der nicht aufhören konnte zu lächeln. Aber Christa Reinig, die Frau, der wir diese Verse verdanken, ist längst vergessen. Und das ist kein Zufall.

Denn mit Christa Reinig war kein Staat zu machen. Dort nicht, im Osten, der DDR, der sie entflohen war, hier nicht, im Westen, wo sie sich alsbald in einem Kampf gegen alle und alles stürzte und sich mit Gott und der Welt, Kollegen, Verlegern, Kritikern anlegt hatte. Körperlich behindert („Bechterew“), „herz und hintern verkühlt“, aber kompromisslos, „keinem mann untertan“, verbittert und missmutig, und mehr noch: „Weiblich-sein ist tätig-aggressiv sein“, war sie bald allein noch auf kleine Eremiten-Presse in Stierstadt angewiesen, die ihre Bücher eher als alter Verbundenheit, kaum noch aus Überzeugung herausgebracht haben. Sie hatte sich selbst ins Abseits manövriert, ihre zunehmende Verbitterung ging einher mit der abnehmenden Anerkennung ihrer Arbeit.

Ein Jammer. Denn sie war, besser gesagt: sie ist eine große Dichterin.
1926 wurde sie, unehelich, in Berlin geboren. Ihre Mutter war Putzfrau. Während des Krieges schlug sie sich als Arbeiterin durch, danach als Trümmerfrau und später noch als Floristin. Die DDR bot ihr die Chance, auf einer sogenannten Arbeiter- und Bauern-Fakultät (ABF) das Abitur nachzuholen und anschließend Kunstgeschichte und Archäologie zu studieren. Bis 1964 arbeitete sie erst als Assistentin und schließlich als Kustodin am Märkischen Museum in Ost-Berlin. Mit ihren Gedichten konnte sie aber in dem Arbeiter- und Bauern-Staat nicht so richtig reüssieren. Der bittere Sarkasmus ihrer Verse stand quer zu dem verordneten Frohsinn beim Aufbau des Sozialismus. Sie war zunehmend auf Veröffentlichung im Westen angewiesen. 1963 erschien ihr schmaler Band „Gedichte“ im Frankfurter S. Fischer Verlag. Darin finden sich Verse, die, einmal gelesen, unvergesslich bleiben.
Christa Reinig kam von Brecht her, war aber, dicht auch, an Benn vorbeigegangen. Ihr prägnanter Sarkasmus verwies auf eine andere, sehr eigene Form der Moderne. Schnoddrig, ironisch, unmittelbar und dabei äußerst eindringlich, von äußerst raffinierter Einfachheit war ihre Sprache. Sie beschrieb stets das Leiden ihrer Geschöpfe, aber jedes Pathos. So in der „Prüfung des Lächlers“. Das Gedicht endet: „doch als man ihm nach einen wuchtigen tritt/ die lippen rundum von den zähnen schnitt / sah man ihn, erst ratlos, dann erstarrt / wie er ihm lächeln unentwegt verharrt“.

Auch der „alte Pirat“, der bei Sidney ausgeschifft hat, auf dem Kai sitzend in der Heiligen Schrift nicht liest, sondern nur „blättert“ und über seine Brille „blinzelt“, leistet dabei nicht unbedingt einen Beitrag zum Aufbau des Sozialismus. Als eine Art opus magnum darf sicher „Die Ballade vom blutigen Bomme“ gelten. Der arme Kerl, auf dem Weg zu seiner eigenen Hinrichtung, macht sich dabei zunächst wenig überraschende Gedanken: „denn was weiß ein frommer christ/ wie dem mann zumute ist“. Sogar noch, als er (deshalb spricht der Volksmund auch von ‚Schiss’) verständlicherweise ein, wie man da sagt, dringendes Bedürfnis verspürt, tröstet er sich mit der Einsicht: „von zwei peinlichen verfahren / kann er eins am andern sparen“. Deshalb verzichtet Bomme auf dem Weg zu seiner Exekution auf den Umweg zur Toilette. Die DDR-Kulturbehörden fanden diese an sich sehr vernünftige, also ebenso rationale wie rationelle Einstellung für den Aufbau eines sozialistischen Gemeinwesens nicht förderlich. So erschien schon diese Ballade 1952 nur im Westen, in der Zeitschrift Akzente des Münchner Hanser Verlages.

1964 erhielt Christa Reinig den renommierten Bremer Literaturpreis. Die Behörden der DDR gaben ihr ein auf vier Tage befristetes Ausreisevisum. Christa Reinig entschloss sich, den Aufenthalt zu verlängern und in der Bundesrepublik zu bleiben. Später schrieb sie dazu: „DER TRAUM VOM WESTEN / Ich träumte heute nacht, ich sei im westen / und wachte auf und war – im westen“. Ihren Schreibtisch im Märkischen Museum hatte sie aufgeräumt zurückgelassen. Nur ein Röntgenbild lag noch in einer Schublade. Es zeigte ihre gekrümmte Wirbelsäule. Der Kritiker Wulf Segebrecht konnte ihr darum attestieren: „Innerlich war sie aufrechter.“ Solche Biographien erscheinen uns heute, wohl nicht nur auf den ersten Blick, fremdartig. Das Deutsch/Deutsche hatte sich bei Christa Reinig in ihre Lebensgeschichte eingebohrt. Ihr Leiden hatte, vor allem in ihren frühen Gedichten, eine Form gefunden. Es sind unvergessliche Sinnbilder einer scharf konturierten Sinnlosigkeit. So auch im Fall des Henkers, der bei seiner eigenen Hinrichtung den Gehilfen bittet, ordentliche Arbeit zu leisten. In diesen Gedichten drückt sich aber mehr aus als nur der Geist der Zeit. Auch wenn ihre Bilder den Lebensbedingungen im realen Sozialismus ihre Schärfe und ihre Prägnanz verdankten. Über „Robinson“ heißt es: „Manchmal weint er wenn die worte / still in seiner kehle stehn / doch er lernt an seinem orte / schweigend mit sich umzugehn“.

Die Auswahl der Gedichte verantwortete der kürzlich verstorbene Thüringer Publizist Matthias Biskupek.

Die hier präsentierten Verse von Christa Reinig sind eine Offenbarung, ohne theologische Falltüren. Denn die hier präsentierten Verse von Christa Reinig sind eine Offenbarung, ohne theologische Falltüren. Diese Gedichte waren praktisch verschollen und allenfalls noch einigen rüstigen Rentnern bekannt, die sie, wie ich, zu einem großen Teil auch auswendig kennen. Es sind Gedichte, die in die Schulbücher gehören. Und jeder anständige Bürger dieser Republik sollte verpflichtet werden, sie in seiner Jackentasche mit sich tragen und, bei Bedarf, laut zu deklamieren. Denn dann lässt sich wirklich von zwei peinlichen Verfahren eins am andern sparen.

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erstellt am 01.5.2021
aktualisiert am 02.5.2021

Poesiealbum 360
Christa Reinig
Auswahl Matthias Biskubek
Märkischer Verlag, Berlin
34 S., 5,00 €

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Siehe auch

wwww.poesiealbum.info