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Alle Menschen werden blöder. Davon jedenfalls gehen die Verfechter der korrekten Künste aus. Alles, was nicht authentisch, pädagogisch wertvoll oder gleich das richtige Bekenntnis ist, lehnen die moralischen Erneuerer ab. Thomas Rothschild erhebt Einspruch gegen die Abschaffung des Theaters auf den Bühnen.

Kontrapunkt

Selbstdarstellung statt Rollenspiel

Offen gestanden: mich nerven diese sich im Kreis drehenden Debatten über den Gegensatz von performativem und mimetischem Theater, die nur im Ausnahmefall echte Debatten, in der Regel jedoch Plädoyers für die eine und Schmähungen der anderen Wahlmöglichkeit sind.

Wenn irgendwelche Menschen auf der Bühne sitzen und aus ihrem Leben erzählen, mag das, je nachdem, unterhaltsam oder deprimierend sein, aber mit Theater hat es so viel zu tun wie ein Tagebuch mit einem Roman. Nicht jeder öffentliche Vortrag ist Theater, nicht die Predigt des Pfarrers in der Kirche, nicht die Rede des Politikers in der Wahlversammlung, nicht der Auftritt eines fanatischen Speakers am Hyde Park Corner und eben auch nicht das autobiographische Bekenntnis von Experten der Wirklichkeit. Man kann das alles Theater nennen, aber das ist dann nicht mehr als eine der so beliebten terminologischen Operationen, die den Begriff im Ergebnis inhaltslos machen. Er ist dann ebenso leer wie beispielsweise die Begriffe „faschistisch“ oder „neoliberal“, wenn man sie auf alles, was einem gerade unangenehm ist, anwendet.

Sprechen wir Klartext: Keine noch so fleißig auswendig gelernte Expertise von der Bühne herab kann an Eindringlichkeit und Überzeugungskraft konkurrieren mit einer Großaufnahme der Kamera, mit den Versprechern und Verrückungen der spontanen Rede im Dokumentarfilm. Der „Alltag“ wird auf der Bühne zur Lüge. Er hat sich das falsche Medium gewählt. Es ist kein Zufall, dass die prominentesten Exemplare des Dokumentartheaters gerade nicht den Alltag zu ihrem Gegenstand gewählt haben, weder „Die Ermittlung“, noch „In der Sache J. Robert Oppenheimer“, weder „Der Stellvertreter“, noch Ronald Harwoods „Fall Furtwängler“.

Eins der Kriterien, die konventionell und auch sinnvollerweise zur Definition des Theaters gehören, ist das Rollenspiel, also die Unterscheidung zwischen Darsteller und Dargestelltem. Es setzt das Theater in der ursprünglichen Bedeutung von öffentlichen Selbstdarstellungen jeglicher Art ab und etabliert stattdessen eine Verbindung zu den „sozialen Rollen“, die wir im Alltag spielen. Ein erheblicher Teil des Vergnügens am Theater war seit je die Verblüffung über die Verwandlung und die Bewunderung für die Kunstfertigkeit, mit der Schauspieler, gegebenenfalls mit Hilfe von Masken und Kostümen, die Täuschung bewirkten. Schauspielkunst ist mehr als Verkündung von wahren und unwahren Wahrheiten und Theater mehr als eine Erziehungsplattform.

Schon lange, ehe man von performativem Theater sprach, spielte die amerikanische Stand up Comedy mit der Ambiguität von Darsteller und Rolle. Woody Allen hat in Clubs mit bekannten biographischen Fakten gearbeitet. Aber jeder halbwegs intelligente Zuschauer wusste, dass der Mann hinter dem Mikrophon, wenn er „ich“ sagte, ebenso wenig mit dem realen Woody Allen identisch war wie Thomas Bernhards Minetti, Ritter, Dene, Voss mit den Schauspielern dieser Namen, selbst wenn der echte Minetti, die echte Ritter, die echte Dene und der echte Voss die Rollen spielten. Und nur ein Depp fragt Gerhard Polt, ob er tatsächlich der Ansicht ist, dass der Asiate nicht schmutzt.

Hinter dem Plädoyer für das als performativ umschriebene Theater verbirgt sich meist eine eingestandene oder unbewusste Kunstfeindlichkeit. In der Annäherung an das „wirkliche Leben“ glaubt man das einzig wahre Politische zu erkennen. Die Abbildung gilt, entgegen allen Erfahrungswerten, bereits als Einwirkung. Verfremdung, die selbst dem einfachsten mimetischen Theater innewohnt, wird von den Apologeten der Unmittelbarkeit der Ablenkung von der politischen Wirklichkeit verdächtigt. So gesehen gibt es eine bemerkenswerte Allianz zwischen der Verteufelung des mimetischen Theaters und der zurzeit grassierenden Ersetzung ästhetischer durch moralische Kategorien. Dem Zuschauer ist zu zeigen, was gut und böse ist. Die Fähigkeit zur selbständigen Übertragung, Negation, Schlussfolgerung wird ihm abgesprochen. Ein Rassist auf der Bühne darf nicht „Neger“ sagen, weil die am performativen Theater geschulten Moralisten die Figur mit dem sie verkörpernden Darsteller gleichsetzen und dem Zuschauer nicht zutrauen, dass er sieht, was da gespielt wird: eben ein Rassist, dessen Verhalten abzulehnen ihn das Theater einlädt. Man fragt sich: wo, wenn nicht auf der Bühne, sollte Rassismus, sollten Menschenverachtung und Grausamkeit sinnlich erfahrbar gemacht werden? Wie will man bekämpfen, was nicht einmal in der Sprache mehr vorkommen soll, im Stillen aber blüht und gedeiht? Da hat kürzlich eine Online-Kommentatorin allen Ernstes gefordert, Strindbergs „Fräulein Julie“ zu verbieten. Nächste Station: Bücherverbrennung. Und auf den Bühnen: performatives Theater von guten, edlen echten Menschen mit überprüftem Lebenslauf.

Das performative Theater war einer der hilflosen Versuche, der (scheinbaren?) Krise des Theaters zu entkommen. Es wurde zum Fluchtort für Menschen, die Theater machen wollen, zum Artifiziellen aber ein Verhältnis haben wie ein Veganer zum Schweineschnitzel. Das schlechte mimetische Theater, das es stets gab und nach wie vor gibt, ist ebenso wenig ein Argument gegen das mimetische Theater als solchem wie ein schlechter Roman gegen die Literatur oder Dieter Bohlen gegen die Popmusik. Die Lust aber an der Verwandlung, am Spiel mit dem Als-ob, sollten wir uns nicht verderben lassen. Sie kann auf dem Theater Wunder vollbringen, die man beim Kölner Karneval vergeblich sucht.

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Kommentare


Paul Pfeffer - ( 17-06-2021 11:18:16 )
Vielen Dank, lieber Thomas Rothschild, für diesen Einwurf zugunsten des Theaters, der Kunst und gegen den grassierenden Neomoralismus. Es ist auch eine Stellungnahme gegen das enggeführte Denken, gegen die Beschneidung der Kunstfreiheit und ein Plädoyer für die Freiheit des Zuschauers.

Wir brauchen kein betreutes Theater, kein betreutes Lesen, kein betreutes Denken. Wer dem Zuschauer im Theater nichts mehr zutraut, wird ihn über kurz oder lang verlieren.

Der Neomoralismus darf sich nicht ungehindert ausbreiten. Widerspruch ist nötig.

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erstellt am 13.6.2021
aktualisiert am 14.6.2021